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Konzert, Radiokomposition und Publikation bilden drei Teile dieser musik- und klangbezogenen Arbeit:

Cobourg Nets
für Ensemble und Field Recordings. 2021 UA 6.5.2021, Ensemble Adapter (Kristjana Helgadóttir, Flöte; Ingólfur Vilhjálmsson, Klarinette; Gunnhildur Einarsdóttir, Harfe; Matthias Engler, Schlagzeug)
im Rahmen des Festivals "Memories in Music" der Akademie der Künste Berlin

Video > Stream 6.5.2021, Akademie der Künste Berlin

Festival Memories in Music > Programmheft

Field Log Cobourg
Radiokomposition > Deutschlandfunk Kultur, Ursendung 7.5.2021

Cobourg Mind Maps
Künstlerpublikation > digitale Version. Gedruckte Version erhältlich auf Anfrage

Projektentwicklung 2019/20: in Kooperation mit der Nan Giese Gallery at Charles Darwin University in Darwin, Australien; Recherchereise 2019 finanziert durch ein Aufenthaltsstipendium des Goethe-Instituts, Arbeitsstipendium der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa 2019



Die Cobourg Peninsula liegt an der mittleren Nordspitze Australiens und wurde 1818 von Europäern nach Prinz Leopold von Sachsen-Coburg benannt. Vom 28. Juli bis zum 4. August 2019 begab ich mich auf einen Field Trip, um die gescheiterte britische Siedlung Victoria in Port Essington (1838–1849) im Garig Gunak Barlu National Park auf der Halbinsel zu besichtigen. Ich folgte dabei dem brandenburgischen Naturwissenschaftler Ludwig Leichhardt, der als erster europäischer „Entdecker“ 1845 eine über 4000 Kilometer lange Route vom heutigen Brisbane nach Port Essington kartografierte. Port Essington stellt einen britischen Kolonialisierungsversuch „von der See“ unter militärischem Kommando dar, der das Ziel hatte, einen neuen Hafen (wie Singapur) zu errichten und so die Vorherrschaft in Nordaustralien zu erlangen. Die Besiedlung scheiterte unter anderem aufgrund fehlender Anpassung an die Umweltbedingungen, trug aber zu einem dramatischen Niedergang der indigenen Bevölkerung bei. In jüngerer Zeit wiederum wurden Leichhardts Aufzeichnungen (Journal of an Overland Expedition to Port Essington) bei rechtlichen Land-Claim-Verfahren hinzugezogen, um die Besiedlung der betreffenden Länder vor Ankunft der Europäer zu belegen.

Nach Leichhardt ist auch ein schillernder Grashüpfer benannt, der in einer der indigenen Sprachen als Alyurr bezeichnet wird und auf das Blitzwesen Namarkkon verweist, das auch in den mindestens 27.000 Jahre alten Höhlenmalereien auf dem Arnhem Plateau erscheint. 

Auf dem Field Trip schlief ich unter freiem Himmel, besuchte berühmte Felsmalereien im Kakadu-Nationalpark, begutachtete Fundstücke an den Küstenstränden und Objekte in den Ruinen von Victoria, sammelte Klänge und Fotos, recherchierte zur Geschichte und zur Ökologie Cobourgs. Ich führte Gespräche mit Rangern, mit Expert*innen zu indigenen Wissenssystemen, etwa über Pflanzen und Nahrungsmittel, sowie mit Insektenkundler*innen und anderen Wissenschaftler*innen und Künstler*innen. Ich besuchte Naturkundemuseen in den großen Städten Australiens und führte die Erkundungen in Berlin fort, wo Objekte von Leichhardts Reisen in botanischen und anderen Sammlungen gelandet sind. Anknüpfend an Leichhardts Grashüpfer recherchierte ich Insektenklänge in weltweiten bioakustischen Archiven – Insekten, die faszinierend vielfältig und elektronisch lauten, als aktuelle Metapher des Fernen, Unbekannten und Fremden, gleichzeitig des Kleinen und Marginalisierten. 

Dieses Material bildet den Ausgangspunkt für die musikalische und künstlerische Auseinandersetzung mit verschiedenen Wissensformen und -systemen: naturwissenschaftliches Wissen, indigenes Wissen (von „grounded and ex-centric knowledge“ spricht ein Text des in Darwin lehrenden Sprachwissenschaftlers Michael Christie über Yolgnu/Aboriginal Thinking), künstlerisches Wissen, „situated knowledge“, das heißt Wissen durch Anwesenheit an einem Ort, Wissen durch Erfahrung und Erfahrungen, gemeinschaftliches und persönliches Wissen sowie vor allem über Klang vermitteltes Wissen („sonic knowledge“). 

Das ganze Projekt beschäftigte mich über zweieinhalb Jahre, in denen sich auch bei mir viel Wissen ansammelte: Erfahrungen, die ich während der Reise und durch die Lektüre davor und danach machte, sowie Erkenntnisse und Überlegungen, die durch den Austausch mit Kolleg*innen, Musiker*innen, Wissenschaftler*innen aus Australien und in postkolonialen und ökologischen Diskussionszusammenhängen hier in Deutschland entstanden. Dieses Wissen bildet nun den Umraum der musikalischen Komposition und gehört zum Gesamtprojekt. 

Das Projekt manifestiert sich in vier verschiedenen Formaten: 

  • der Ensemblekomposition Cobourg Nets für Schlagzeug, Harfe, Flöte und Klarinette mit Field Recordings, in der recherchierte Insektenklänge und Instrumentalklänge durch Übersetzungsprozesse aufeinander bezogen werden 
  • der Publikation Mind Maps Folder, in der ich ausgehend von meinen eigenen Mindmaps kontextuelles Wissen zu fünf Themen zusammenführe:
    • koloniale und ökologische Geschichte der Cobourg Peninsula
    • der Naturwissenschaftler Ludwig Leichhardt
    • Kakadu und Arnhem Land, indigene Geschichte und Gegenwart
    • Insekten und Biologie, naturwissenschaftliches Wissen
    • Museen und Sammlungen,  postkolonialer Umgang mit Wissen 
  • einer Sammlung von Büchern und Exponaten, die ich aus Australien mitgebracht habe und die im Zusamenhang des Konzerts ausgestellt werden
  • der Radiokomposition Field Log Cobourg, Auftragswerk des Deutschlandfunk Kultur, einem klingenden Logbuch, das über Field Recordings und einen beschreibenden, erzählenden Text die Hörerfahrung und den Dialog mit Menschen vor Ort vermitteln will und die subjektive Erfahrung von Hören und Klang als Wissensspeicher thematisiert. Hier sind auch Gespräche mit Robert Risk (Indigenous Ranger), Keith Risk (Indigenous Elder) und Robert Raven (Arachnologe am Queensland Museum) eingebunden, denen ich herzlich danken möchte. 

Die Reise nach Australien war für mich in all ihren unterschiedlichen Erfahrungsweisen kunstbasierte Forschung, die sich in den acht Tagen des Field Trips von Darwin nach Cobourg zu einer existentiellen Erforschung des eigenen Hörens und Zuhörens verdichtete. Fundamental war die Erfahrung, auf der Erde liegend, nur von einem Moskitonetz geschützt, zu hören. Hier habe ich zwar nicht den Inhalt der Sprache der Insekten verstanden, aber gehört und verstanden, dass sie kommunizieren.

Das Cobourg Projekt ist eine Arbeit, die Fragen des heutigen postkolonialen Diskurses konkret auf eine Situation, einen historischen Zusammenhang, eine ortsspezifische Erfahrung bezieht. Wer spricht, wer darf für wen sprechen? Sleeping on the Ground at Cobourg ist eine Arbeit aus europäischer und bewusst subjektiver Perspektive. Die Fragen, um die es geht, stehen im größeren Kontext eines anderen Umgangs mit ökologischen Systemen und einer Neuorientierung von westlich geprägter Ökonomie und Ökologie, deren Notwendigkeit die mit europäischen Denk- und Machtweisen zusammenhängende Klimakrise deutlich macht. Die Feuer in Australien zum Jahreswechsel 2019/20 – also am Ende des Jahres der Cobourg-Reise – zeigten die globale Verflochtenheit dieser Fragen überdeutlich.